
Zur Gemeindeversammlung der Evangelischen Kirchengemeinde Weilimdorf kamen am Mittwoch, 7. Oktober 2026, etwas mehr als 60 Gemeindeglieder ins Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrum im Pfaffenäcker.
Im Mittelpunkt standen zwei Themen, die das kirchliche Leben im Stadtbezirk in den kommenden Jahren spürbar prägen werden: die Entwicklung der Pfarrstellen samt neuer Gottesdienstplanung sowie das Immobilienkonzept der Kirchengemeinde im Rahmen des landeskirchlichen Prozesses „OIKOS“. Nach jedem Themenblock gab es Gelegenheit für Rückfragen, zum Abschluss einen moderierten Austausch unter der Leitung von Kirchengemeinderätin Anja Rudolph.
Gesellschaftlicher Wandel als Hintergrund
Pfarrer Dr. André Bohnet ordnete die Situation zu Beginn der Versammlung in größere Entwicklungen ein. Als gesellschaftliche Trends nannte er Säkularisierung und eine zunehmende religiöse Gleichgültigkeit, einen Rückgang von Bindungen, eine wachsende Skepsis gegenüber Institutionen sowie mehr religiöse Vielfalt. Wer sich heute noch religiös orientiere, setze sich seine Überzeugungen häufig individuell zusammen.
Die Zahlen der Landeskirche belegen den Wandel: Die Evangelische Landeskirche in Württemberg zählte 1990 noch 2,27 Millionen Mitglieder, 2025 waren es 1,67 Millionen, ein Rückgang von rund 26,5 Prozent in 35 Jahren. In städtischen Gebieten fällt der Rückgang noch deutlicher aus. Im Dekanatsbezirk Zuffenhausen, zu dem Weilimdorf gehört, ist es ein Minus von rund 41 Prozent. Hinzu kommen sinkende finanzielle Mittel und ein Mangel an Pfarrpersonen.

Von 4,5 auf 2,5 Pfarrstellen
Wie unmittelbar sich das vor Ort auswirkt, machte die Entwicklung der Pfarrstellen deutlich. Gab es in Weilimdorf 2023 noch 4,5 Stellen (Zielzahl des Pfarrplans 2024 war: 4,0), sind es 2026 nur noch 2,5, was bereits der Zielzahl des Pfarrplans 2030 entspricht. Das ist ein Rückgang von rund 45 Prozent in drei Jahren. Doch dies ist eine „Bruttozahl“: Eine der verbliebenen Pfarrpersonen befindet sich derzeit in Elternzeit, erst im Frühjahr 2027 wird die Evangelische Kirchengemeinde Weilimdorf die 2,5 Stellen wieder „voll“ zur Verfügung haben.
„Unser erklärtes Ziel bleibt trotz der Reduktion eine verlässliche pfarramtliche Versorgung: Gottesdienste und Sakramente, Amtshandlungen und Seelsorge sowie Geschäftsführung und Gremienpräsenz sollen weiterhin gewährleistet werden“, versicherte Pfarrer Bohnet. Dafür arbeitet das Pfarrteam künftig enger zusammen, die Regeln dazu sind in einer neuen Geschäftsordnung der Pfarrämter festgehalten. Pfarramtliche Aufgaben gelten demnach als gemeinsame Aufgabe aller Pfarrpersonen. Eine „Schwerpunktkirche“ gibt es nicht mehr, alle feiern regelmäßig an allen Gottesdienstorten. Bestattungen und Trauungen werden rotierend übernommen und nicht mehr nach Seelsorgebezirken getrennt. Zugleich erhält jede Pfarrstelle Schwerpunktaufgaben. Tätigkeiten im Gemeindeleben, die nicht zwingend durch eine Pfarrperson ausgeführt werden müssen, übernehmen zum Teil Ehrenamtliche, durchaus wird es aber auch Aufgaben geben, die nicht mehr geleistet werden können.
Die Schwerpunkte verteilen sich so: Pfarrer Dr. André Bohnet (Oswaldkirche, 100 Prozent Pfarrstelle) verantwortet Geschäftsführung, Vorsitz im Kirchengemeinderat und Personalverantwortung, die Trägeraufgaben und religionspädagogische Begleitung der Kindergärten sowie die Koordination der Kirchenmusik. Die Stephanuskirche teilen sich Pfarrerin Christina Baumhakl (50 Prozent ab März 2027) und Pfarrerin Maren Louchet (50 Prozent); sie decken Konfirmandenunterricht, Kinder- und Familienarbeit sowie Öffentlichkeitsarbeit ab. Pfarrerin Britta Angrik (Wolfbuschkirche, 50 Prozent) übernimmt neben dem Konfirmandenunterricht die Seniorenarbeit.
Doppeldienste am Sonntag
Auch der Gottesdienstplan ändert sich. Sonntags soll in der Regel ein „Doppeldienst“ an zwei Orten stattfinden, um 9.30 Uhr und um 11.00 Uhr. Gottesdienste gibt es weiterhin an allen Sonn- und Feiertagen; die Besonderheiten der einzelnen Kirchen sollen möglichst erhalten bleiben. Häufiger als bisher werden jedoch gemeinsame Gottesdienste an einem Ort gefeiert, wobei auch die Zahl der Mitfeiernden berücksichtigt wird. Das soll auch die Planbarkeit für alle Beteiligten verbessern, etwa für Prädikanten, Mesner, Organisten, Musiker und Kirchengemeinderäte. Planungsgrundlage sind die Oswaldkirche, der Greuttersaal, die Wolfbuschkirche, das Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrum und die Stephanuskirche.
Wie das an Feiertagen aussehen kann, zeigte Pfarrer Bohnet am Beispiel von Karwoche und Ostern 2027 auf, von der Palmsonntagsfeier über die Abendmahlsangebote am Gründonnerstag wie am Karfreitag, die Liturgische Osternacht am Karsamstag um 22 Uhr bis zur Ostermorgenfeier um 6 Uhr im Bonhoeffer-Gemeindezentrum und am Ostermontag um 11 Uhr die „Osterlieder zum Aufwachen und Mitsingen“. Nach einem Jahr will der Gottesdienstausschuss Rückblick halten und die neue Ordnung überprüfen.

OIKOS: Gebäudebestand auf dem Prüfstand
Im zweiten Teil stellte der Kirchengemeinderatsvorsitzende Heiner Scholz das Immobilienkonzept vor. „OIKOS“ ist ein landeskirchenweiter Immobilienentwicklungsprozess der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. „Kirchengemeinden und Kirchenbezirke sollen ihren Gebäudebestand nach Bauzustand, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz bewerten und strategisch weiterentwickeln“, erläuterte Scholz. Hintergrund seien sinkende Mitgliederzahlen und weniger Geld, die einen starken Abbau des Bestands erforderten, damit jede Gemeinde handlungsfähig bleibe.
Die landeskirchlichen Eckdaten zeigen einen eindeutigen Trend: Die Zahl der Gemeindeglieder soll von aktuell 1,72 Millionen (2024) auf 1,15 Millionen im Jahr 2040 sinken, die Kirchensteuereinnahmen bis 2030 um 18 Prozent. Die Zahl der Gemeindepfarrstellen geht von 1.207 (2024) auf 900 (2030) zurück. Gleichzeitig steigen die Baupreise (um 81,3 Prozent zwischen 2010 und 2024) und die gesetzlichen Klimaschutzvorgaben. Die Landeskirche strebt eine finanzierbare Klimaneutralität bis 2040 an.
Der Prozess verläuft in drei Phasen: Studie, „OIKOS-Cockpit“ und Strategie. Aktuell befindet dieser sich in der zweiten Phase. Bis Sommer 2027 soll die Strategie auf Ebene des Kirchenkreises in Abstimmung mit den einzelnen Kirchengemeinden entstehen.
Wie dringlich der Handlungsbedarf ist, zeigten Beispiele aus Weilimdorf. Das jährliche Defizit beim Betrieb liegt u.a. beim Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrum bei rund 60.000 Euro, beim Wolfbuschgemeindehaus bei rund 48.000 Euro, beim Greuttersaal (allerdings nur angemietet) bei rund 21.000 Euro, bei der Stephanuskirche samt Gemeindehaus bei rund 80.000 Euro und beim Jakobusgemeindehaus bei rund 11.000 Euro. Dazu kommen anstehende Sanierungen: Für die Heizungen im Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrum und im Oswaldgemeindehaus sind jeweils mindestens eine halbe Million Euro veranschlagt, für eine umfassende Sanierung der Stephanuskirche 1,5 bis 2 Millionen Euro.

Erste Beschlüsse, finale „Ampel“ im Sommer 2027
Die Kirchengemeinde hat im Frühjahr 2026 ein vorläufiges Immobilienkonzept beim Kirchenkreis eingereicht. Darin sind alle Liegenschaften nach dem Ampelprinzip eingestuft: Grün steht für Gebäude, die erhalten wie behalten werden sollen, Gelb für Objekte, bei denen noch offen ist, wie es weitergeht, und Rot für Immobilien, von denen sich die Gemeinde trennen möchte. Bei Gebäuden im Eigentum der Gemeinde heißt das Verkauf, beim angemieteten Greuttersaal die Aufgabe der Anmietung.
Grün eingestuft sind unter anderem das Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindezentrum mit Kindergarten, Pfarrhaus und Mietwohnungen, die Oswaldkirche mit Kindergarten und Gemeindehaus, die Stephanuskirche mit Gemeindehaus und Kindergarten, die Pfarrhäuser an der Giebelstraße sowie das Waldheim Lindental. Gelb markiert sind die Wolfbuschkirche mit dem Wolfbuschkindergarten, das Jakobusgemeindehaus und das Wohngebäude Giebelstraße 32, die ehemalige Diakoniestation. Rot eingestuft sind das Wolfbuschgemeindehaus, das ehemalige Pfarrhaus Ludmannstraße 20, das Wohnhaus Rennstraße 11 und der Greuttersaal, der im Besitz der Landeskirche ist und von der Kirchengemeinde nur angemietet wird.
Für zwei der roten Objekte hat der Kirchengemeinderat bereits Beschlüsse gefasst: Verkauft werden sollen das ehemalige Pfarrhaus Ludmannstraße 20 und das Wohngebäude Rennstraße 11 a/b. Außerdem soll der Wolfbuschkindergarten in die anderen Einrichtungen integriert werden, „auch und vor allem aufgrund weiterer Faktoren“, wie es hieß: Hier konnten Bohnet und Scholz der Gemeinde bereits versichern, dass alle Erzieherinnen in der Gemeinde ihre Arbeitsplätze behalten werden, die Kinder der Gruppe sowie Anteile des bisherigen Konzepts voraussichtlich im Dietrich-Bonhoeffer-Kindergarten eingegliedert werden.
Entscheidend wird jeodch die finale „OIKOS-Beampelung“ durch den Kirchenkreis sein, die im Sommer 2027 erwartet wird. Für dort rot markierte Immobilien gibt es dann keine Förderung mehr. Bis dahin wird das Weilimdorfer Immobilienkonzept weiter aktualisiert und anschließend Schritt für Schritt umgesetzt.
Zwischen Resignation, Verständnis und Aufbruchstimmung
In den Gesprächsrunden zeigte sich, wie unterschiedlich die Besucher die Entwicklung aufnehmen. Manche reagierten resigniert, andere traurig, denn hinter den Zahlen und Gebäudelisten stehen Orte, die vielen Gemeindegliedern vertraut sind und über Jahre zur Heimat geworden sind. Vor allem die Farbe „rot“ für das Wolfbuschgemeindehaus sorgte für Verstimmung: „Wir haben eh kaum noch Orte, um sich als Gruppe im Wolfbusch zu treffen“, so eine Besucherin mahnend.
Andere zeigten Verständnis für den eingeschlagenen Sparkurs und das vorgestellte Gebäudekonzept: Bei immer weniger Geld und immer weniger Gemeindemitgliedern, so der Tenor, führe an Einschnitten kaum ein Weg vorbei. Den Abschluss der Gemeindeversammlung bildete dann eine spontane Gesangsrunde mit dem durchaus fröhlich wie aufmunternd zu verstehenden Lied 140 aus den „Neuen Liedern“: „Gemeinsam auf dem Weg, Gott ist dabei. Hoffnung, die uns trägt: Er bleibt treu. Wir danken dir für jeden Schritt, der Grenzen überwindet. Wir bitten, lenke unsern Blick auf das, was uns verbindet.“
Text/Fotos Hans-Martin Goede, KGR
